Aus dem Beamtenrecht: Alternative Wege in den Schuldienst; 09/2019

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Der dramatische Lehrkräftemangel erfordert, auch BewerberInnen einzustellen, die kein Lehramtsstudium absolviert haben. Die Mangelsituation in den Bundesländern ist unterschiedlich. Ist der Quereinstieg etwa in Bayern eher die große Ausnahme, hat jeder zweite Kollege/jede zweite Kollegin, der/die in Berlin eingestellt wird, keine Lehramtsausbildung. Wie gut der Berufseinstieg gelingt, hängt auch von den Unterstützungsmaßnahmen und der Qualität der Weiterbildung ab.

Von Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Neben der regulären Laufbahn mit Lehramtsstudium und Vorbereitungsdienst gibt es grundsätzlich zwei Alternativwege in den Schuldienst: den Quer- und den Seiteneinstieg. Laut Definition der Kultusministerkonferenz (KMK) spricht man von Quereinstieg, wenn Menschen, die ein Hochschulstudium in zwei unterrichtsrelevanten Fächern absolviert haben, einen regulären Vorbereitungsdienst absolvieren. Nach dem Zweiten Staatsexamen werden sie als reguläre Lehrkräfte eingestellt.

SeiteneinsteigerInnen sind Menschen, die ein Hochschulstudium oder eine Berufsausbildung, die diesem gleichgestellt ist, absolviert haben und ohne Vorbereitungsdienst in die Schule kommen. Diese KollegInnen erhalten teilweise einen pädagogischen Vorbereitungskurs und berufsbegleitende Weiterbildungsmaßnahmen. Auch diese können in einigen Bundesländern mit einem Zweiten Staatsexamen abgeschlossen werden. Grundvoraussetzung für einen Quer- oder Seiteneinstieg ist also in der Regel ein Hochschulabschluss.

Mangel ist überall zu spüren

Die Zahl der Menschen, die als Quer- oder SeiteneinsteigerInnen eingestellt werden, variiert von Bundesland zu Bundesland stark. Man kann grob drei Gruppen von Bundesländern unterscheiden. Zur ersten Gruppe gehören Länder, in denen mindestens ein Fünftel der Neueingestellten keine reguläre Lehramtsausbildung hat. Dies ist in Berlin, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen der Fall. Eine zweite Gruppe von Bundesländern stellt bis zu 15 Prozent SeiteneinsteigerInnen ein. Hierzu zählen Niedersachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Eine eher geringe Quote haben derzeit noch Hamburg, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland. Ungeachtet dessen ist der Mangel an Lehrkräften für den Primarbereich und die Sonderpädagogik allerdings auch in diesen Ländern zu spüren.

Die angebotenen Weiterbildungsmaßnahmen und Arbeitsbedingungen unterscheiden sich ebenfalls von Land zu Land. Menschen, die an einem Seiten- oder Quereinstieg in den Schuldienst interessiert sind, sollten sich daher im jeweiligen Bundesland über die Bedingungen und Voraussetzungen informieren.

Unterstützung essenziell – aber schwierig zu realisieren

Ein wesentliches Problem des Quer- und Seiteneinstiegs in den Schuldienst sind häufig die fehlenden pädagogischen Qualifikationen und Erfahrungen der BewerberInnen. Zwar erleben auch AbsolventInnen eines Lehramtsstudiums im Vorbereitungsdienst nicht selten einen so genannten „Praxisschock“, da die schulische Realität oft viel komplexer ist als erwartet. Menschen ohne pädagogische Erfahrungen und Qualifikationen stellt dies allerdings vor ungleich größere Probleme.

Eine Vorbereitung auf die Tätigkeit ist deshalb unerlässlich. Sie sollte in der Form eines Intensivkurses Grundzüge der Pädagogik und Didaktik, aber auch schul- und arbeitsrechtliche Inhalte umfassen. Zudem sind eine berufsbegleitende Weiterbildung sowie eine gute Unterstützung vor Ort essentiell.

In der Praxis lässt sich ein solches Mentorensystem allerdings oft nur schwer realisieren. Denn die Quer- und SeiteneinsteigerInnen werden häufig gerade an die Schulen geschickt, an denen ein besonderer Mangel an Lehrkräften herrscht. Dabei handelt es sich oft um Grundschulen und Schulen in sozialen Brennpunkten. So werden gerade an Schulen, an denen ein besonders hohes Maß an pädagogischer Kompetenz und Erfahrung nötig ist, überdurchschnittlich viele unerfahrene Lehrkräfte eingesetzt, ohne dass diese vor Ort auf die Unterstützung erfahrener KollegInnen bauen können.

Oft sind Quer- und SeiteneinsteigerInnen Menschen, die schon über eine reiche außerschulische Berufserfahrung verfügen. Die Kompetenzen, die sie dabei erworben haben, können die Schulen produktiv nutzen. Das gilt allerdings nur dann, wenn die Schulneulinge auch die Gelegenheit erhalten, ihre besonderen Erfahrungen in den Schulalltag und den Unterricht einzubringen.

Auch QuereinsteigerInnen, die ihre Ausbildung im Ausland absolviert haben, können eine Bereicherung sein. Herkunftssprachliche Lehrkräfte, die auch ihre eigene kulturelle Erfahrung mitbringen, können für Kinder aus Einwandererfamilien wichtige Bezugs- und Beratungspartner sein. Darüber hinaus ist es für alle Lernenden anregend, an der Schule eine vielfältige Lehrerschaft zu haben.

Lehrkräftemangel hausgemacht

Eine zentrale Ursache für den Lehrkräftemangel ist, dass es zu wenige Studienplätze gibt. Gerade im Grundschulbereich gab es weit mehr BewerberInnen als Studienplätze. Zum Teil gibt es auch Zugangsbeschränkungen durch einen Numerus clausus. Dieser muss dringend abgeschafft werden. Die Ausbildungskapazitäten müssen durch die Einstellung zusätzlicher Hochschullehrkräfte erhöht werden. 

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Ein weiteres Problem ist die Abbruchquote in Studium und Vorbereitungsdienst. Dies können wir uns angesichts des dramatischen Lehrkräftemangels nicht leisten. Deshalb muss auf die Studierenden und LehramtsanwärterInnen zugegangen und die Ausbildung stärker an deren Bedürfnissen ausgerichtet werden.

Für attraktive Arbeitsbedingungen sorgen

Grundsätzlich wird man den Lehrkräftemangel nur dann beheben können, wenn die Arbeitsbedingungen entsprechend attraktiv sind. Dies bedeutet, die Unterrichtsverpflichtung und die Lerngruppengröße spürbar zu reduzieren. Auch dürfen Grundschullehrkräfte, die die Basis für den späteren Lernerfolg der Kinder legen, nicht schlechter bezahlt werden als ihre KollegInnen an anderen Schulformen.

Quer- und SeiteneinsteigerInnen müssen über eine entsprechende Staffelung der Unterrichtsverpflichtung langsam an den Schulalltag herangeführt werden. Außerdem ist ihnen eine intensive berufsvorbereitende und -begleitende Weiterbildung zu garantieren.

Intensive Schulentwicklungsarbeit unerlässlich

Will man produktiv mit der Situation des Quer- und Seiteneinstiegs umgehen, ist darüber hinaus eine intensive, professionell unterstützte Schulentwicklungsarbeit unerlässlich. Zentral ist dabei, dass auf der Grundlage der verschiedenen Kompetenzen der Lehrkräfte und der Zusammensetzung der Lerngruppen ein Schulkonzept entwickelt wird, aus dem die einzelnen innerschulischen Fortbildungen abgeleitet werden.

Quelle: Beamten-Magazin 09/2019

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